Konsumentenrente und Produzentenrente: Welche Bedeutung haben die Flächen?

Grafisch schön, inhaltlich nicht zu halten.


Textstatus: Ausformuliert aber noch nicht ausdiskutiert.

Das Konzept von Konsumenten- und Produzentenrente, oder auch das Konzept des Sozialen Überschusses genannt, ist ein in der Lehre gängiges Konzept, mit dem Änderungen auf einem Markt bewertet werden. Den Analyserahmen hierfür liefert das Marktkreuz.

Die Konsumentenrente

Das Konzept besteht, so wie es angewendet wird, aus zwei Komponenten:

1. Definition
Die Konsumentenrente ist die Differenz zwischen dem Preis, den jemand für ein Gut auszugeben bereit ist und dem Preis, den er zahlt.

Nochmal mit anderen Worten: Wenn ich auf den Flohmarkt gehe und sage „für eine schöne Vase bin ich bereit 100€ auszugeben“ und ich finde eine schöne Vase für 60€, dann habe ich eine Konsumentenrente von 40€. Und diese 40€ habe ich dann nach dem Flohmarkt auch noch im Portemonaie und kann sie für was anderes ausgeben.

2. Die Operationalisierung
Als Konsumentenrente wird die Fläche zwischen Nachfragekurve und dem Marktpreis deklariert.

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Die Konsumentenrente zur Bewertung von Waschmaschinenmärkten

Betrachten wir einen Markt, bei dem jeder Konsument maximal 1 Gut kauft. Das könnte zum Beispiel der Markt für Waschmaschinen sein. Die Nachfragekurve wird zusammengesetzt aus vielen Nachfragern die jeweils nur 1 Gut nachfragen. Im Punkt der Markträumung ist der Marktpreis gleich dem maximalen Preis, den der Grenznachfrager zu zahlen bereit ist. Alle anderen Nachfrager, die eine Waschmaschine kaufen, sind mehr zu zahlen bereit und realisieren eine Konsumentenrente. Der Wikipediaartikel zur Konsumentenrente betrachtet genau einen solchen Fall und illustriert ihn mit der folgenden Abbildung:

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KR-Hans-klein“ von Skippy82 – selbst erstellt. Lizenziert unter PD-Schöpfungshöhe über Wikipedia.

Was für Güter gibt es, bei denen die Nachfrager eine Sättigungsmenge von 1 Gut haben? Waschmaschinen vielleicht. Fahrräder. Es gibt schon solche Güter und ich interessiere mich für die Eigenschaften der Märkte, auf denen Güter dieser Art gehandelt werden. Aber ich habe noch nie gehört, dass das Konsumentenrentenkonzept nur bei Waschmaschinenmärkten angewendet werden kann. Du? Also schauen wir uns einen Markt an, auf dem alle Nachfrager auch eine größere Menge des Gutes nachfragen.

Die Konsumentenrente auf einem Markt mit der üblichen Marschallschen Nachfrage

Betrachten wir die Konstruktion der Nachfragekurve auf einem Markt, auf dem die einzelnen Nachfrager mehr von dem Gut nachfragen. Sagen wir ich gehe auf den Flohmarkt und will Tassen kaufen. Meine Nachfragekurve wird nach Marschall dann so konstruiert:

Wieviel € bin ich maximal bereit für 1 Tasse zu zahlen?
Wieviel € pro Tasse bin ich maximal bereit für 2 Tassen zu zahlen?
Wieviel € pro Tasse bin ich maximal bereit für 3 Tassen zu zahlen?
usw.

Sagen wir meine Nachfrage sähe so aus: 7€/Tasse für 1 Tasse, 5€/Tasse für 2 Tassen, 4€/Tasse für 3/Tassen.
Ich finde ein Angebot von 5€ pro Tasse. Gemäß meiner Nachfragekurve bin ich bereit zu diesem Preis 2 Tassen zu kaufen. Ich kaufe also 2 Tassen zu dem maximalen Preis, den ich für 2 Tassen auszugeben bereit bin. Meine Konsumentenrente ist Null. Das lässt sich auch daran erkennen, das ich nun kein Geld mehr im Portemonaie habe, dass ich für die beiden Tassen ausgegeben hätte aber nicht ausgegeben habe.

Für einen Gesamtmarkt werden nun die Nachfragekurven aller Nachfrager aggregiert. Und dann gibt es einen Marktpreis und alle Nachfrager sehen sich ihre Nachfragekurve an und fragen genau die Menge nach, die sie maximal zu diesem Preis abnehmen. Alle Nachfrager sind Grenznachfrager! Und alle haben eine Konsumentenrente von Null!

Erkenntnis
Die Konsumentenrente ist auf den üblichen Märkten Null!

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Erstaunlich, oder?

Ja, aber… – FAQ
  • Ist die Zahlungsbereitschaft für die ersten Güter nicht höher? Dann ist die Konsumentenrente doch größer Null!? weiterlesen
  • Die Konsumenten haben doch einen größeren Nutzen, wenn sie mehr Güter zu einem kleineren Preis bekommen? weiterlesen

 

Soviel zur Klärung des Konsumentenrentenkonzepts. Wie sieht es mit der Produzentenrente aus? Ist das ein brauchbares Konzept zur Beurteilung von Markteingriffen?

Die Produzentenrente: Relikt der Klassengesellschaft des 19.Jh.?

Definition: Die Produzentenrente ist die Differenz zwischen dem Preis, zu dem ein Anbieter aufgrund seiner Kostensituation noch bereit wäre, ein Gut herzustellen und anzubieten, und dem Marktpreis.

Es handelt sich um den Deckungsbeitrag, den die Unternehmen erwirtschaften, oder je nach Formulierung der Angebotsfunktion auch um deren Gewinn.

Was qualifiziert den Gewinn der Unternehmen als Wohlfahrtsmaßstab?

Gewinn ist notwendig, damit die Unternehmen Puffer aufbauen können, damit sie in schwankenden Märkten überleben.
Gewinne stellen Anreize dar, damit Unternehmen – hoffentlich auf produktive Weise – Menschen als Kunden gewinnen.

Soweit so richtig, nur, warum Gewinne von Unternehmen als Wohlfahrtsmaßstab? Es gibt auch andere Einkommensarten: Löhne, Zinsen, Ressourcenrenten. Warum werden nur die Gewinne berücksichtigt? Warum nicht alle Einkommen?

Ich habe dafür keine Erklärung. Höchstens kann ich mir folgendes zusammenreimen. Zum einen lässt sich der Gewinn im Marktkreuz schön sichtbar machen. Zum zweiten denke ich daran, dass im 19.Jh., als das Konzept der Produzentenrente entworfen worden ist, im Diskurs die Arbeiter nicht wohlfahrtsrelevant waren. Das Argument ist von Karl Marx und seiner Reservearmee bekannt. Ich habe es aber auch von anderen Ökonomen der damaligen Zeit gelesen. In der Sichtweise sind Löhne also nur Kosten und der Gewinn ist das, worauf es ankommt.

Warum überhaupt Einkommen als Wohlfahrtsindikator. Ist es nicht eher relevant, welche Güter mit welchem Aufwand produziert werden?

Wie werden freiwerdende Ressoucen verwendet?

In der Anwendung von Konsumenten- und Prozentenrente zur Begutachtung von Markteingriffen wird nach meinem Dafürhalten neben der falsch operationalisierten Konsumentenrente und der unsinnigen Produzentenrente ein weiterer schwerer Analysefehler begangen:

Wenn infolge eines Eingriffs Ressourcen frei werden, dann können diese Ressoucen anderweitig verwendet werden. Oftmals ist dies ja genau der Anlass für die Marktintervention: Ressoucen sollen in eine Verwendungsrichtung gelenkt werden, in die „der Markt“ dies nicht tut. Eine faire Analyse zieht m.E. auch diese Effekte mit ein. Ein analoges Vorgehen wird in anderem Zusammenhang mit der Berücksichtigung von Opportunitätskosten praktiziert. Die Effekte aus den umgelenkten Ressourcen können negativ sein, neutral sein, positiv und auch so positiv sein, dass die negativen Effekte des Markteingriffes überkompensiert werden.

 

Im folgenden führe ich zwei Beispiele an, um zu zeigen, dass und wie das Konzept der Konsumentenrente und der Produzentenrente in der Lehre verwendet wird.

Beispiel Steuereinnahmen

Das folgende Beispiel stammt aus Mankiw 2012, S. ?200ff.

In einem Markt wird ohne Steuern eine Menge QM bei einem Preis PM umgesetzt. Wenn nun Steuern erhoben werden, dann schiebt sich die Steuerlast zwischen Anbieter und Nachfrager. Die umgesetzte Menge geht auf QSt zurück. Es entsteht ein Wohlfahrtsverlust von der Größe des Dreiecks DW.

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Kein Wort dazu, was der Staat mit dem Geld macht. Der Nutzen des Staates wird Null gesetzt.

Beispiel Internationaler Handel

Das folgende Beispiel stammt aus Mankiw 2012, S. 220ff.

Ein kleines Land überlegt seinen Stahlmarkt dem Welthandel zu öffnen. Vor der Öffnung wird eine Menge Xante zu einem Preis Pante umgesetzt. Der Weltmarktpreis PW liegt über Pante.

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Wie ist die Situation gemäß Konsumenten- und Produzentenkonzept zu bewerten: Die inländischen Konsumenten müssen einen höheren Preis PW zahlen und fragen eine kleinere Menge NInl nach. Was an Konsumentenrente verloren geht, erhöht die Produzentenrente. Außerdem sind Exporte in Höhe von Ex zu erwarten. Die inländischen Produzenten können mehr absetzen als vorher. Im Vergleich zum Zustand ohne Weltmarktöffnung sind die Renten insgesamt um das Dreieck REx gestiegen. Die Öffnung ist zu befürworten.

Interessant finde ich an dem Beispiel noch Folgendes:

  • Mankiw nimmt als Beispiel einen Stahlmarkt. Der Stahlmarkt ist ein Faktormarkt, auf dem Unternehmen als Nachfrager auftreten. Folglich geht es hier um Gewinn und nicht um Nutzen von Menschen. Die Fläche unter der Nachfragekurve müsste also den Gewinn angeben, den ein Unternehmen mit dem gekauften Stahl erwirtschaftet. Ich habe für das für lineare Absatzfunktionen nachgerechnet und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die Konsumentenrentenfläche nicht dem Gewinn entspricht. Ich wünsche mir auch, das Mankiw darauf hinweist, dass er das Konsumentenrentenkonzept in einem anderen als dem üblichen Ableitungskontext verwendet.
  • Die Leistungsbilanz des Landes verändert sich im Wert der Exporte.
  • Interessant wäre auch zu erfahren, wo die Ressourcen für die zusätzliche Produktion herkommen.
  • Auch ein Blick auf die anderen Länder wäre gesamtwirtschaftlich interessant.

 

Alternative Bewertungsansätze

Aus den Überlegungen und Beispielen gehen eine Reihe von alternativen Bewertungsansätzen hervor. Sie ergeben noch keine fertige Theorie oder Methodik für die Bewertung von Marktsituation aber bieten Anküpfungspunkte dazu. Ich habe gefunden:

  • Mehr freiwilliger Tausch ist besser als weniger.
  • Mehr zu günstigerem Preis ist für Konsumenten besser als weniger zu höherem Preis
  • Weniger Aufwand zur Herstellung von Gütern ist besser als mehr.
  • Mehr Einkommen insgesamt kann evtl. positiv bewertet werden, wobei ich eher die Ressourcenverwendung und die damit geschaffenen Güter und Möglichkeiten betrachten würde.
  • Einkommen aus Exporten haben einen Effekt auf die Leistungsbilanz. Die Bewertung ist u.a. von der Leistungsbilanz insgesamt abhängig.

Siehe auch die Diskussion unter Wohlfahrtsökonomik/Bewertungskriterien.

Anliegen

Wenn ich das richtig verstanden habe, taugt das Konzept des Sozialen Überschusses als Wohlfahrtskonzept nicht. Es gehört daher diskutiert, verabschiedet und ersetzt. Magst Du dazu beitragen? Kann ich Dich darin unterstützen?

  • Hat Dich die Argumentation überzeugt?
  • Ist die Argumentation gut genug, dass Du andere mit den Schwächen des Rentenkonzepts konfrontieren kannst?

 

Litertatur

Mankiw, N.G. / Taylor, M.P. (2012): Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, 5. überarb. u. erw. Auflage.
 
 

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