Ich kann mir die Prozesse doch dazudenken?


Ein FAQ zu Wie laufen die Modelle ab?

Auf diese Frage hat mich ein Freund gestoßen. Er meinte, die fehlenden Prozesse hätten ihn bei dem neoklassischen Modell nie gestört. Er hätte sie sich einfach dazu gedacht. Als er das gesagt hat, ist mir eingefallen, dass ich das beim Einstieg in die VWL auch gemacht habe. Ich habe mir ein Marktkreuz angesehen und mir vorgestellt, wie die Unternehmen die Preise anpassen. Ob das nun ein einzelner Markt war oder der realwirtschaftliche Arbeitsmarkt des gesamwirtschaftlichen Modells war dabei egal, weil ich es nicht unterscheiden konnte. Vor diesem Hintergrund greife ich die Frage auf: Kann ich im Modell fehlende Prozesse nicht einfach dazudenken?

Kommt drauf an: Auf das Modell und das was Du dazu denkst.

1. Fall: Du denkst genau die Prozesse hinzu, die bei der Ableitung des neoklassischen Gleichgewichts berücksichtigt worden sind. Also zum Beispiel stellst Du Dir den Walrasianischen Auktionator vor, wie er alle Angebots- und Nachfragekurven einholt, die Unternehmen und Haushalte die angeforderten Kurven in verwertbarer Form einreichen und der Auktionator dann die Gleichgewichtspreise austüftelt, usw. In dem Fall passt es.

2. Fall: Du denkst einen Anpassungsprozess hinzu, der nicht in der Ableitung des Modells berücksichtigt worden ist. Das ist tragisch. Tragisch für Deine Gedanken und für das Modell.
Für das Modell ist es tragisch, weil es mit einer Bedeutung aufgeladen wird, die es nicht hat. Du verkennst es. Und benutzt es als Folie Deiner Wunschvorstellung.
Für Deine Gedanken ist es tragisch, weil diese Dir den Zugang zur Analyse von Wirtschaftsprozessen öffnen könnten. Stattdessen werden sie mit einem Modell verwoben, das sie nur verklären aber nicht befruchten können.

 

Ich frage mich, warum ich das am Anfang meiner Beschäftigung mit den VWL-Modellen gemacht habe. Ich glaube es ist so: Ich bin zunächst davon ausgegangen, dass das Modell, das ich gerade kennenlerne, gut durchdacht ist. Und ich bin davon ausgegangen, dass es in irgendeiner sinnvollen, intelligenten Art Aspekte von dem beschreibt, was ich von der Wirtschaft kenne. Dann habe ich versucht, mit meinem Laienverständnis von Wirtschaftsprozessen das Modell zu verstehen. Dazu habe ich punktuelle Übereinstimmungen gesucht und mir Vorstellungen gemacht, was mit dem Modell wohl gemeint ist. Damit hatte ich den Eindruck, einen ersten Schritt zum Verständnis des Modells getan zu haben.

Es hätte mir geholfen, wenn ich etwa das neoklassische Modell über die Ableitung des Modells aus Beobachtungen und über die Ablaufbeschreibung kennengelernt hätte. Dann wäre mir aufgefallen, dass die beschriebenen Prozesse nicht zu denen in meinem Weltbild passen. Allerdings ohne prozessbasieres Alternativmodell und ohne Modellierungserfahrung wäre es auch nicht einfach geworden.
 
 

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