Erste Schritte von einer linearen Produktionstheorie zu einem rückgekoppelten Produktionsnetz

Ausgehend von einer linearen Betrachtung der Produktion in der Tradition der vollkommenen Konkurrenz öffne ich den Blick für Rückkopplungen.

Das, was wir denken können, bestimmt das, was wir wahrnehmen und das, wonach wir uns richten können. Die Hoffnung ist nun, dass die systemischen Denkwerkzeuge ein komplexeres Denken erlauben, so dass komplexere Eigenschaften der natürlichen Mitwelt erfasst werden können. Dies führt zur Wahrnehmung anderer und ef­fektiverer Maßnahmen seitens des Ökonomen, und zu einer entsprechenden Änderung der Entscheidungsgrundlage für die Politiker.

Ausgehen von der neoklassischen Vorstellung von Wertschöpfung

Betrachten wir als Vergleichgrundlage, wie der Wertschöpfungsprozess gemäß neoklassischer Totalanalyse aussieht: Gegebene Arbeitskraft und Kapital sind zu kombinieren. Als ein dritter Faktor wird der Boden genannt. Er führt jedoch in dieser Theorie zu keinen nennenswerten Ergebnissen und wird deshalb au­ßen vor gelassen. Die Faktoren werden verbraucht, es entstehen Arbeitsleid und ein Produkt. Das Produkt wird dann an die privaten Haushalte transferiert. Die Haushalte konsumieren das Produkt und gewinnt dadurch einen Nutzen.

abb_1_wertschoepfung_lineare_sicht

Die wesentlichen Bestandteile dieses Weltbildes sind materielle Produktion, Verbrauch von Ressourcen und exogen gegebene, egoistische, materielle sub­stitutionale Präferenzen. Die Eigenschaften des Wertschöpfungsprozesses werden gesehen als:

  • verbrauchend
  • nicht ­rückgekoppelt
  • exogene definierte Endposition

Es gibt Ausnahmen von dieser Regel: Das „Kapital“ wird in dieser Anschauung durch Investieren gebildet und ist die Grundlage der Produktion einer nächsten Periode. Allerdings wird das „Kapital“ ohne innere zeitliche Struktur analysiert. Periodenübergreifende Effekte sind kein normaler Bestandteil des Grundmodells, sondern werden in der „Wachstumstheorie“ untersucht.

Ich gehe davon aus, dass dieses Schema durch seine fortwährende Wiederholung den Entscheidungshintergrund der mit diesem Schema ausgebildeten Ökonomen prägt. Die Erfahrungen in der Methodendiskussion lassen mich zudem vermuten, dass dieses Bild kein allein von den Ökonomen gemachtes Bild ist, sondern mit dem gesellschaftlichen Umfeld harmoniert oder harmoniert hat. Für die Lösung der anstehenden Fragen scheint es mir jedoch nicht mehr geeignet zu sein, weil es eine ganze Reihe von Wirkungen, Nebenwirkungen und Gestaltungsmöglichkeiten unbeachtet lässt.

Weitere Rückkopplungen

Gehen wir von diesem Schema aus und fragen, welche zusätzlichen Voraus­ setzungen, Wirkungen und Nebenwirkungen denkbar sind. Ein erstes Brain­storming ergibt die folgenden zusätzlichen Theoriebestandteile, die in der nächsten Abbildung ein­getragen sind.

abb_2_wertschoepfung_mit_rueckkopplung

Kleiner methodischer Exkurs: Für mein Empfinden ist die vorstehende Abbildung bereits recht unübersichtlich und das, obwohl nur einige wenige zusätzliche Aspekte berücksichtigt worden sind. Daraus lässt sich ersehen, wie wichtig eine sorgfältige Methodik zur Sammlung, Auswahl und Darstellung der Bestandteile eines Themenfeldes ist.

Die Anschauung des Wertschöpfungsprozesses hat nun eine andere Qualität:

  • Sie ist vernetzt, d. h. eine Ursache hat viele Wirkungen, direkte und indirek­te.
  • Sie beachtet aufbauende und abbauende Aspekte.
  • Sie beachtet Folgewirkungen.

An den zusätzlichen Bestandteilen lassen sich weitere Anregungen an­ knüpfen, die im Folgenden kurz ausgeführt werden.

Natürliche Mitwelt und Ressourcen

Bei der Suche nach weiteren Elementen und Beziehungen kann beispielswei­ se eine Beziehung von der Produktion zurück auf den Faktor Boden entdeckt werden: Der Bestand an Ressourcen nimmt ab, oder ein Stoffeintrag verändert die Qualität eines nachwachsenden Rohstoffs, was die Produktion in Zukunft erschwert. Mögliche Wirkungen dieser Art zu sammeln, zu systematisieren und zu gewichten ist eine Aufgabe für sich.

 

Ich möchte in diesem Abschnitt auf drei Wechselwirkungen von natürlicher­ Mitwelt und Wirtschaftswelt aufmerksam machen.

1. Wirtschaften bei knappen Ressourcen

Wirtschaften bei knappen Ressourcen ist ein ökonomisches Thema par ex­cellence. Zu seiner Analyse ist für die Ressourcen zu definieren, wie lange wel­che Ressourcen in welcher Menge verfügbar sind und wie es um die Senken bestellt ist. Von der produktionstechnischen Seite ist zu definieren, welche Substitutionsmöglichkeiten vorhanden sind und welche Möglichkeiten der technische Fortschritt in den verschiedenen Bereichen bringen kann. So wird der Rahmen gespannt, in dem diskutiert werden kann, wie das globale Wirt­schaftssystem vorzugsweise zu steuern ist. Wenn die produktionstechnischen Möglichkeiten ein weltweites Wachstum bei einem gleichbleibenden oder sin­kenden Ressourcenverbrauch ermöglichen, dann ist die Frage ohne Brisanz. Wenn jedoch die Wirtschaftsleistung durch quantitative Schrumpfungs­- und Umverteilungsprozesse an die Ressourcenbasis anzupassen ist, ist zu ermitteln, wie dies am besten zu bewerkstelligen ist. Dazu braucht es ein Wirtschaftsmo­dell, das die Ressourcenbasis, technischen Fortschritt und Substitutionsmög­lichkeiten und den wirtschaftlichen Koordinationsprozess abbildet. Ein solches Modell gibt es bisher nicht. Dazu braucht es einen ausgebaute EEWCO-­Ansatz.

2. Rohstoffe als Bestandteil der Produktionsfunktion

a) Jeder Rohstoff weist eine eigene Qualität auf. Rohstoffe tragen damit den Aspekt der Heterogenität in sich. Diese Heterogenität der Rohstoffe findet sich in den mit ihnen produzierten Gütern wieder. Heterogene Rohstoffe könnten deshalb einen geeigneten Ausgangspunkt einer Analyse von heterogenen Gü­tern und Produktionsprozessen bilden.

b) Möglicherweise kann die heterogene Qualität des Faktors Boden auch zu einem besseren Verständnis des technischen Forschritts beitragen. G. Hesse (1993, S. 51) legt dar, dass ein technischer Produktionsprozess – also eine Darstel­lung eines Produktionsprozesses, dem die heterogenen Eigenschaften der ver­ wendeten Stoffe zugrunde liegen – maximal eine Effizienz von 100% erreichen kann. Eine weitere Produktionssteigerung ist logisch nur durch eine Änderung des Verfahrens möglich. Eine explizite Referenzierung bestimmter Qualitätsmerkmale wird in der Ausformulierung der Produktionsfunktion diesen Sachverhalte sichtbar werden lassen.

3. Verbrauchen und aufbauen

Leben ist Werden und Vergehen. Wenn wir die Anschauung des nicht­rückge­koppelten Wertschöpfungsprozesses betrachten, dann fällt auf, dass der Ver­brauch im Vordergrund steht. Vorhandene Ressourcen werden über mehr oder weniger weite Umwegproduktionen neu kombiniert, werden zu Produkten und am Ende verzehrt. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Abbauprozes­se. Der Abbau des einen geht jedoch in der Regel mit dem Aufbau von etwas anderem einher. Nach diesen Aufbauprozessen ist gezielt zu suchen, um das Bild zu vervollständigen, und entsprechende Handlungsoptionen entwickeln zu können.

Mehr Wirkung durch Rückkopplung

Ein weiteres Charakteristikum der systemischen Analyse ist die Betrachtung von Folgewirkungen. Gegenüber der linearen Betrachtung mit definiertem Endzustand wird nun deutlich, dass eine Aktion nicht nur das Ergebnis der heutigen Aktion bestimmt, sondern auch die Ausgangslage für morgen mitbestimmt. So betrachtet, entfalten die Aktionen eine viel größere Wirkung.

Als Beispiel möchte ich die folgende Rückkopplungsschleife ansprechen. In der obigen Abbildung ist die folgende Rückkopplungsschleife enthalten: Mehr Konsum führt zu einer Erhöhung der Arbeitskraft, was zu mehr Produktion führt, die wiederum den Konsum erhöht, u. s. w.

abb_3_konsum_als_investition_in_arbeitskraft_

In der linearen Betrachtung mit definiertem Endzustand war der Lohn nur die Entlohnung für die Arbeit. Nun wird deutlich, dass der Lohn notwendig ist, um die Arbeitskraft für den nächsten Monat bereitzustellen. Das verändert die einzubeziehenden Motive in die Lohnverhandlungen ebenso, wie es die Frage nach der Grundversorgung aufwirft.

 

Literatur

Hesse, G. (1993): Land use systems and property rights, evolutionary versus institutional economics, in: Witt, U. (Hrg.): Evolution in Markets and Institutions, Heidelberg/New York, S. 47–62.

Links

Wikipediaartikel „Kreislaufwirtschaft“

 
 

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