Kritik des Neoklassischen Modells: Eine Betrachtung der Grundbausteine

Kurze & knappe Demontage des Neoklassischen Modells. Für alle die wissen wollen, warum die vorherrschende Ökonomik anno 2014 die Wirtschaft nicht verstehen kann.

Textversion: 3-2014-07-30
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Das Neoklassische Modell ist das Basismodell der Wirtschaftswissenschaften um die Jahrtausendwende. Es ist dient damit auch als wissenschaftliche Flankierung des Neoliberalismus. Im Folgenden skizziere ich, aus welchen Beobachtungen, Erkenntnisinteressen und Darstellungsmethoden das Modell wie abgeleitet worden ist. Diese Schritte werden in der Einführungsliteratur üblicherweise nicht als Entstehungsgeschichte oder Argumentationlinie vermittelt. Die einzelnen Bausteine der Neoklassischen Theorie werden eher unzusammenhängend angeführt. Sie werden jeweils verwendet, um bestimmte Aspekte zu illustrieren und um sich wechselseitig assoziativ zu plausibilisieren.

1. Adam Smith und der Töpfermarkt

Der erste Baustein des Neoklassischen Modells sind Gütermärkte. Exemplarisch sei der Töpfermarkt angeführt, den schon Adam Smith beschreibt. Auf einem solchen Gütermarkt gibt es eine Vielzahl von Anbietern und Nachfragern. Über die Kostenstruktur der Anbieter und der Nachfrager pendelt sich dann ein Preis ein, indem sich die Anbieter bei einem Angebotsüberschuss unterbieten oder sich die Nachfrager bei einem Nach­frageüberschuss überbieten.

2. Das Marktkreuz

Die Analyse der Gütermärkte, die ansatzweise einige Prozesse auf einem solchen Markt anführt, wird dann in die Darstellung des Marktkreuzes kondensiert. Das Angebot wird als steigende Angebotsfunktion dargestellt und die Nachfrage als fallende Nachfragefunktion. Der Schnittpunkt gibt den resultierenden Preis an.

3. Walras und die Möglichkeit eines gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts

Walras (Ende des 19. Jh.) stellt sich die Frage, ob es überhaupt möglich ist, dass mehrere verbundene Märkte im Gleichgewicht sein können. Gleich­gewicht in diesem Zusammenhang heißt, dass kein Markt weder eine Überschuss­nachfrage noch ein Überschussangebot aufweist, mit anderen Worten also alle Märkte geräumt sind. Die Ver­bindung der Märkte, die er betrachtet hat, ist die Verbindung über die Budgetrestriktion der Markt­teilnehmer. Er formuliert Gleichungen zu den Budgetrestriktionen der Marktteilnehmer. Er sortiert diese Gleichungen bezogen auf die einzelnen Märkte um, und fasst die Angebote und Nachfragen zu je einem Markt zusammen. Daraus bildet er Überschussnachfragefunktionen zu den Märkten. Er zählt die Anzahl der Gleichungen und die Anzahl der Unbekannten, schließt daraus auf die Lösbar­keit des Gleichungssystems und kann so zeigen, dass alle so verbun­denen Märkte gleichzeitig geräumt sein können.

4. Der Walrasianische Auktionator

Als nächstes interessierte Walras, ob die Modellwirtschaft diesem Gleichgewicht auch zustrebt und es erreicht. Um sich der Antwort auf diese Frage zu nähern, macht er folgendes: Er setzt zufällige Preise auf den Märkten ein und ermittelt dann für die Märkte, ob sie ein Überschussangebot oder eine Überschussnachfrage aufweisen. Bei den Märkten mit Überschussangebot senkt er den Preis etwas, bei den Märkten mit Überschussnachfrage erhöht er den Preis. Dann ermittelt er die Überschussangebote und -nachfragen erneut und passt die Preise wieder an. Dieses Vorgehen wiederholt er so oft, bis er die Preise gefunden hat, bei denen alle Märkte im Gleichgewicht sind. Mit diesem Verfahren lassen sich in der Tat Preise finden, bei denen alle Märkte geräumt sind. Das Verfahren wird als Tatonnement des Walrasianischen Auktionators bezeichnet.

Modelle dieses Typs werden als Modelle des allgemeinen Gleichgewichts oder auch als mikroökonomische Totalmodelle bezeichnet.

5. Gesamtwirtschaftliche Angebots- und Nachfragefunktionen

Für die Ableitung der grundlegenen makroökonomischen Aussagen der neoklassischen Theorie verwendet man eine Version des mikroökonomischen Totalmodells, in denen es im Wesentlichen 1 Markt gibt: den realwirtschaftlichen Arbeitsmarkt (realwirtschaftllich, weil hier mit Arbeit gegen das Einheitsgut gehandelt wird und nicht Arbeit gegen Geld). Es gibt eine gesamtwirtschaftliche Pro­duktionsfunktion, aus der eine Arbeitsnachfragefunktion abgeleitet wird, und eine Arbeitsangebotsfunktion. In diesem Modell gibt es auch nur 1 Gut Y, dass je nach Verwendung als Konsumgut oder als Investi­tionsgut betrachtet wird.

 

Zwischenfazit

Und was sagst Du zu diesem Modell? Wie schätzt Du die Aussagekraft ein? Immerhin es gibt ein System von Märkten, es gibt die Beschreibung einer Anpassungsdynamik und die bestimmenden realen Faktoren sind drin. Oder?

Die einzelnen Schritte aus einer anderen Perspektive betrachtet:

 

zu 1. Adam Smith und der Töpfermarkt

Der Teil der Modellbildung gefällt mir am besten, weil er am nächsten an einer Prozessanalyse dran ist. Meiner Erfahrung nach wird diese Prozessanalyse allerdings oberflächlich betrieben. Ich habe zum Beispiel während meines Studiums keinen einzigen Markt genau analysiert. Auch meine Mitstudenten nicht. Zudem ist die Analyse soweit sie denn erzählt wird etwas schwammig: Was ist mit den Reaktionszeiten? Was ist mit Kapazitätsbedingungen? Welche Faktoren werden zur Produktion gebraucht? Können sie substituiert werden? Was mit Marktmacht? Was mit Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten? Was mit Möglichkeiten zur Erpressung? Was mit Möglichkeiten zur Täuschung? Was mit den Kosten­verläufen? usw. Nur die Geschichte von sich ausgleichendem Angebot und Nachfrage zu erzählen, trägt nicht zur Schärfung der Analysefähigkeit bei.

Zu Gute zu halten ist, dass wohl bei diversen Untersuchungen und auch in Spielsettings Gütermärkte relativ schnell zu einem einigermaßen stabilen Preis führen. (Vergleiche erweiternd dazu allerdings den Aspekt der Sprungstellen bei limitationalen Produktionsfunktionen {Bei limitationalen Produktions­funktionen stehen die Produktionsfaktoren in einem weitgehend festen Verhältnis zueinander.})

zu 2. Das Marktkreuz

Hast Du bemerkt, dass bei der Darstellung als Marktkreuz die Zeitdimension herausgefallen ist? Während in Schritt 1 noch von Anpassungsprozessen berichtet wird, die ja gegebenfalls noch zeitlich genauer spezifiziert werden können, sind jetzt noch zwei Geraden übrig geblieben, die selbst keine Information mehr über die Dauer der Anpassungsprozesse beinhalten.

Verdächtig finde ich auch, dass es sich in aller Regel um Geraden oder stetige Funktionen handelt, die das Angebot und die Nachfrage charaktersieren sollen. Ich vermute, dass dies aus drei Gründen so ist: 1) wegen der oberlächlichen Analyse der Märkte 2) In der Hoffnung, dass durch diese Darstellung eine Art Durchschnitt dargestellt wird. 3) Es erlaubt die Anwendung weiterer mathematischer Methoden, was ein sachfremder Grund ist.

zu 3. Walras und die Möglichkeit eines gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts

Beachte, dass gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht im Modellsinne von Walras zu sehen ist und unterscheide dies von den Assoziationen, die Du aus Deinem Alltagsverständnis mit diesem Begriff verbindest.

zu 4. Der Walrasianische Auktionator

Ich möchte die Aufmerksamkeit darauf lenken, wie Walras den Koordinationsprozess der Wirtschaft beschreibt: Von einem zentralen Akteur gesteuert, der alle Angebots- und Nachfragefunktionen kennt, der erst­einmal den richtigen Preisvektor sucht, bevor gehandelt wird. Das hat mit der dezentralen Koordination realer Märkte nichts zu tun. Da die Koordination zentral erfolgt, wird in diesem Modell auch kein Geld benötigt. Geld fällt aus der Analyse heraus. Der Geldmenge wird noch zugestanden das Preisniveau festzulegen. Die Bedeutung des Tauschens für die Koodination und die Rolle die Geld dabei spielt, ist nicht das Thema dieses Modells.

Auch dieses Modell kennt keine Zeitstruktur. Es ist zwar möglich, das Marktergebnis des Walrasianischen Auktionators mit einem Zeitindex t zu versehen. Ein Bezug zu beobachteten Anpassungszeiten wird so nicht hergestellt.

Wie soll mit einem Modell dessen Koordinationsstruktur nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, in dem Geld als Tauschmittel nicht vorkommt und in denen es keine nachvollziehbare Abbildung der Zeit gibt, Aussagen gewonnen werden können, wie unsere Wirtschaft am besten zu organisieren ist?

zu 5. Gesamtwirtschaftliche Angebots- und Nachfragefunktionen

Die Idee ersteinmal möglichst einfach anzusetzen, halte ich für richtig. In diesem Fall also mit 1 Markt, der für die gesamte Volkswirtschaft steht. Das habe ich beim eewco-Ansatz auch so gehandhabt. Allerdings muss klar sein, in welchem Verhältnis dieser eine Markt zur Wirklichkeit steht. Und das ist im neoklassischen Fall unklar. Es wird weder nachvollziehbar gesagt, was dargestellt wird, noch wird angegeben, welche Aspekte außen vor gelassen worden sind. Damit lässt sich das Modell auch nicht erweitern, jedenfalls nicht so, dass der Bezug zur Wirklichkeit größer wird.

Ich beschreibe kurz die Welt, die dieses Modell zeichnet, um weitere Anhaltspunkte dafür zu vermitteln, warum wir wirtschaftspolitisch in der Luft hängen: Es gibt ein Unternehmen, das sich so verhält als würde es in Konkurrenz stehen. Das Unternehmen braucht zur Produktion Arbeitskräfte und formuliert dazu eine Arbeitsnachfrage. Es fragt soviele Arbeitskräfte nach, bis es für eine Arbeitseinheit soviel Lohn zahlen muss, wie von dieser Arbeitseinheit produziert wird. Die Arbeitnehmer bieten soviel Arbeit an, bis ihr mit dem Arbeitsumfang wachsendes „Arbeitsleid“ vom Lohn nicht mehr kompensiert wird. Bezahlt wird mit dem produzierten Gut. Der Gleichgewichtspreis wird ermittelt und die Arbeitskräfte zugeteilt. Dann wird produziert. Nach der Produktion und der Auszahlung von Löhnen und Gewinnen entscheiden die Empfänger von Löhnen und Gewinnen, was sie mit dem Gut machen, das sie erhalten haben. Sie können es konsumieren oder investieren. Investieren sie es, dann verwandelt sich das Gut in ein Investitionsgut und erhöht den Kapitalstock. Das Einheitsgut kann also erst produziert werden und dann unterschiedlich verwendet werden.

Was lässt sich mit einem solchen Modell anfangen? Keine Zeitstruktur, keine Wirtschaftssubjekte, ein Supergut, kein Geld, keine Tauschprozesse, sondern Abwicklung zum Gleichgewichtspreis.

Das Desaster, dass dieses Modell als Analyseinstrument für die Wirtschaftspolitik bedeutet, lässt sich schön am Thema Sparen und Arbeitslosigkeit illustieren. Nehmen wir an, die Menschen in diesem Modell erhöhen ihre Sparquote. Was passiert? Mehr Sparen heißt, sie investieren mehr. Also das Einheitsgut verwandelt sich in Kapitalstock. Das wars. Der Kapitalstock steigt. Es kann anschließend mehr produziert werden und das ist doch positiv zu bewerten, oder? Wenn wir die Welt dieses Modells verlassen und eine Sammlung der Einflussfaktoren vornehmen, die wir aus einem Weltbild mit Geld als Tauschmedium gewinnen können, dann kann folgendes passieren: Die Menschen sparen mehr, das heißt dann, sie geben weniger Geld aus. Die Nachfrage nach Gütern sinkt. Deshalb fragen die Unternehmen weniger Arbeitskräfte nach. Arbeitslosigkeit. Ein Teil der Menschen hat nun Arbeit ein anderer nicht, usw. Diese Aspekte sind dem neoklassischen Denken fremd. Sie kommen in dem Modell nicht vor. Deshalb gibt es beim Thema Arbeitslosigkeit aus neoklassischer Sicht auch nur ein Problem: Zu hohe Löhne. Weitere Aspekte, die aus dem Blick fallen: Ungleiche Vermögensverteilungen, Sättigung auf einzelnen Märkten …

Limitierte Darstellungsmethode

Für das Modell werden zunächst verbale Analysen genutzt. Verbale Analysen können ihre Stärke im Aufdröseln eines Themas haben. Um die mengenmäßige, dynamische Entwicklungen nachzuvollziehen eignen sie sich nicht. Dann verwendet die Neoklassik mathematische Beschreibungen. Sie eignen sich gut zur Klärung von gleichförmigen Entwicklungen und Gleichgewichten. Das prädestinierte Werkzeug zur Darstellung von vernetzten unregelmäßigen Prozessen ist jedoch die Simulation. Dieses Werkzeug wird in der Neoklassik nur eingeschränkt verwendet. Es spielt in der Entwicklung der Grundkonzepte keine Rolle. Daraus folgt, dass alle Aspekte der Wirtschaft, die auf unregelmäßigen und vernetzten Prozessen beruhen, von der Neoklassik nicht nachvollzogen werden können.

 

Wie kann mit so einem Chaos trotzdem gearbeitet werden?

Damit trotzdem mit dem Modell gearbeitet werden kann, wird folgendes gemacht:

a) Die Unzulänglichkeit werden entweder nicht gesehen (Geld ist ein Schleier. Ende der Diskussion.) oder nicht im grundsätzlichen Aufbau des Modells gesucht, sondern als noch ungelöste Rätsel angesehen. Es wird dann von der fehlende Mikrofundierung geredet und seit 50 Jahren an der Mikrofundierung gearbeitet oder vom Rätsel Geld gesprochen.

b) Papier und Gedanken sind geduldig. Es lässt sich alles mögliche Denken. So ist es auch möglich, auf diesen unklaren Modellkern jede Menge Ausarbeitungen zu speziellen Themen aufzusetzen. Das Ganze mathematisch anspruchsvoll. Und wegen des unklaren Kerns auch hinreichend unverständlich. Die Unverständlichkeit wird dann aber als das Unvermögen des Laien oder des einfachen Studenten kommuniziert, vom Alltagsverständnis loszukommen und die dahinterliegenden Strukturen zu erkennen.

c) Milton Friedman hat Mitte des 20 Jahrhunderts eine passende Methodologie geliefert: Er geht davon aus, dass die Struktur der Modell egal ist. Entscheidend für die Gütebewertung von einem Modellen seien nur die Vor-hersagen, die damit gemacht werden. D.h. ein Neoklassiker in diesem Sinne kann der oben geäußerten Kritik zustimmen und trotzdem das Modell für sehr gut erachten – wegen der Prognosen. Nun ist es aber so, dass für Gesamtwirtschaften kaum Experimente gemacht werden können. Jedenfalls lassen sich nicht hunderte von Experimenten durchführen, um unterschiedliche Wirkungsthesen zu überprüfen. Zudem hat es in den letzten Jahrzehnten viele Änderungen in der Technik und in der Organisation der Wirtschaft gegeben, so dass selbst die vorhandenen empirischen Zeitreihen nur bedingt zu interpretieren sind. Wie will man da die Prognosekraft des Modells bewerten?

d) Es wird in den letzten 10-20 Jahren verstärkt Empirie betrieben. Empirie heißt, dass Modellvoraussagen mit verfügbaren Daten verglichen werden. Daher sehen viele Wirtschaftswissenschaftler die Gesamtwirtschaftslehre als eine empirisch gesicherte Wissenschaft an. Aber auch Computer sind duldsam. Es lassen sich alle möglichen Modelle und Daten eingeben und Computer geben dann Daten aus. Nur: Was sind das für Modellvorhersagen? Wenn in dem Modell zunächst einmal jeder Bezug zur Zeit herausgenommen worden ist? Wenn die Marktwirtschaft als Zentralplanungswirtschaft ohne Geld modelliert wird? Welche Eigenschaften der Welt werden dann mit den Modellbegriffen „Sparen“, „Kapital“, „Arbeitslosigkeit“ etc. beschrieben? Und dann ist die nächste Frage, welche Daten sind mit welchem Zeitbezug und welchen Eigenschaften erhoben worden? Welche Daten lassen sich überhaupt erheben? Zu welchen Fragen können unter diesen Voraussetzungen nachvollziehbar Hinweise erarbeitet werden?

 

Ich habe 2 Fragen an Dich:
1) Wenn Du Wiwi bist: Stimmst Du der Beschreibung des Aufbaus des neoklassischen Modells zu?
2) Inbesondere wenn Du kein Wiwi bist: Ist der Text verständlich? Verstehst Du jetzt besser, worum es in der wirtschaftspolitschen Debatte geht?

Soviel zur Einführung in das Neoklassische Grundmodell. Zur weiteren Lektüre empfehle ich den Text Das eewco-Ausgangsmodell im Vergleich mit dem neoklassischen Grundmodell.

 

Links

Eine alternative Betrachtung des Monetarismus als Spielart der Neoklassik ab den 1970er Jahren findet sich in Heiner Flassbecks Unser Geldsystem-Reihe, beispielsweise in den Artikeln II, VII, VIII. (ABO-Zugang)
Unser Geldsystem II: Der Siegeszug des Monetarismus

 


 

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