Den assoziativen Gestaltungsgrund gestalten

Ein Essay über die subtilen Hintergrundkräfte, die das Forschen beeinflussen, und ein Plädoyer zu ihrer aktiven Gestaltung.

Forschen mit endlicher Kapazität und in Ungewissem Raum

Ideen kommen und gehen. Einsichten in theoretische Widersprüche kommen und gehen. Aufmerksamkeit und Zeit sind klein im Verhältnis zu den auftauchenden Ideen. Lohnt es sich, eine bestimmte Idee über einen wirtschaftlichen Zusammenhang aufzugreifen und ins Theoriegebäude einzufügen? Widersprüche in den Theorien sind immer zahlreich vorhanden; sie tauchen zumindest an den Forschungsrändern auf. Welchen dieser Widersprüche schenke ich nun weitere Beachtung und mache mich an die Aufarbeitung?

Hier haben wir es mit einer Entscheidung bei unvollkommener Information und beschränkter Verarbeitungskapazität zu tun. Es kommen also Daumenregeln zum Einsatz. Im Geschäftsleben können Daumenregeln auch sehr explizit formuliert sein, z.B.: Den Preis einer angebotenen Speise könnte ein Restaurantbesitzer ermitteln als Kosten der Zutaten mit zwei multipliziert. Die Art von Daumenregeln, um die es hier geht, ist subtiler. Es ist eher so, wie das menschliche Hörvermögen aus der Flut der ankommenden akkustischen Reize, einige an unser Bewusstsein weiterleitet. Nur geht es hier nicht um akustische Signale, sondern darum, welchen Forschungsfragen ich mich wie zuwende. Diesen ersten allenfalls bedingt bewussten Filter Filter bezeichne ich als assoziativen Gestaltungsgrund.

Erscheinungsformen des assoziativen Gestaltungsgrundes

Im nächsten Schritt geht es nun darum, dem assoziativen Gestaltungsgrund auf die Spur zu kommen und ihn gegebenenfalls zu gestalten. Es ist mir nicht gelungen, eine in sich schlüssige Theorie eines solchen Gestaltungsgrund zu erkennen. Einige Aspekte, in denen ich meine, Wirkungsweisen eines solchen assoziativen Gestaltungsgrund zu erkennen, will ich im folgenden vorstellen.

Qualitäten des Lebens

Mit welchen Begriffen wird das Leben charakterisiert:

Qualitäten, die erstrebenswert sein könnten, könnten etwa sein: Wahrheit (im Sinne von in subjektiv bestem Wissen und Gewissen), Klarheit, Paradies auf Erden, Glück, Fruchtbarkeit.

Qualitäten, die ich eher dem überkommenen assoziativen Gestaltungsgrund zuschreibe: Curriculum, Doppelbödigkeit, Das Leben als Leidensprüfung, Liebe und Schmerz verquickt.

Gesetzt den Fall letztere Qualitäten sind die wirksamen Qualitäten im assoziativen Gestaltungsgrund bei der Auswahl von Ideen und Formung von Theorien. Und diese Theorien werden dann handlungsleitend. Wenn die Theorie des assoziativen Gestaltungsgrundes so funktioniert wie ich das denke, dann finden wir uns in einer Welt wieder voller Schmerz, voller Vertuschungen und Zerstörung der Lebensgrundlagen. Wir reproduzieren unser Weltbild.
Ein Aufzeigen, wie uns bestimmte Handlungen ins Verderben führen, mag nach und nach zur Klarheit beitragen. Die unmittelbare Reaktion wird jedoch eher ein Schulterzucken
sein. Denn: Auf dem Grunde unseres Herzens ist es genau das was wir wollten, ist es das, was zu unserem Bild vom Leben gepasst hat, das, was wir gewählt hatten und was wir schon kannten.

Fragmentierter Erkenntnisprozess

Erkenntnis ist ein Wechselspiel von Wahrnehmen, Denken, Bewerten und Handeln. Das ist ein durchaus komplexer Vorgang, der sehr unterschiedlich ausgeht, je nachdem wie diese Elemente eingesetzt werden und wie sie miteinander verknüpft werden. Was beobachte ich? Was gewinnt meine Aufmerksamkeit? Worüber denke ich weiter nach? Suche ich nach etwas? Was, wenn zu viele Wahrnehmungen mich überfluten? Wie möchte ich reagieren? Die zur Erkenntnisgewinnung herangezogenen Gewohnheiten sind Teil der Kultur, die Erkenntniskultur sozusagen.

Wenn ich das richtig sehe, dann haben wir in der Erkenntniskultur des letzten Zeitalters die Elemente Wahrnehmen-Denken-Bewerten-Handeln voneinander getrennt, indem wir bestimmte Denkmuster benutzt haben. Das hat unsere Erkenntnisfähigkeit deutlich herabgesetzt. Es hat uns Erfahrungen ermöglicht, wie scheinbar auswegloses Ausgeliefertsein an die gesellschaftliche Zerstörung. Beispiele für solche trennenden Denkmuster sind zum Beispiel:

„Da brauchen wir nicht drüber reden, das ist so üblich.“ „Kann gar nicht sein.“ „Wenn die da oben nicht bald mal was tun, …“. Ende der Diskussion.

Vielleicht eher prozessfördernd: „Gibt es Hinweise dahingehend, dass ein Prozess zu negativen Folgen führt? Weitere? Was ist das Positive an der bisherigen Vorgehensweise? Alternativen?“, „Gibt es weitere Beobachtungen in der Richtung? Wenn ja bitte sammeln. Interpretationsvorschläge?“, „Um der Sache einen Kick in die richtige Richtung zu geben, schicke ich …“

Zersetzende Ausgestaltung von Begriffen

rational. Rational soll ein Denken und Handeln sein, das verschiedene Argumente abwägt und dann einen begründeten Handlungsplan zur Erreichung eines Zwecks
auswählt. Soweit, so gut. Rational wird auch gerne als Gegenteil von emotional gesehen. Diese Sichtweise ist mit Vorsicht zu genießen, stehen doch die Emotionen in engster Verbindung mit unseren Bewertungen. Ernsthaft problematisch erscheint mir jedoch folgende Begriffsfacette: Die Idee des Begriffs „rational“ wird zwar wie eingangs definiert. Nun braucht jeder Begriff auch Vorschriften, mit deren Hilfe sich die Ausprägungen der Begriffsidee in der unvollkommenen Welt wiederfinden lassen. Diese Seite des Begriffs „rational“ wird häufig mit „gefühlskalt“ oder „schmerzhaft“ gefüllt. Eine rationale wirtschaftspolitische Empfehlung ist dann eine wirtschaftspolitische Empfehlung, die Schmerzen erzeugt.

Theorie. Eine Theorie ist die Anschauung eines Themenbereichs. Insofern gibt es nichts Praktischeres als eine gute Theorie. Eine gute Theorie ermöglicht erfolgreiches Handeln. Nun wurde, aus welchen Gründen auch immer, einen Gegensatz von Theorie und Praxis konstruiert. Theorien seien praxisfern. Oder noch überspitzer: Je besser die Theorie, desto weniger hat sie mit der Praxis zu tun. Da müsste sich bald die Frage einstellen „Theorie, von was eigentlich?“.

Wissen. Wissen ist zunächst ein positiv besetzter
Begriff. Der Begriff „Wissensgesellschaft“ zeigt die hohe Bedeutung und Wertschätzung von Wissen für unser Leben – einerseits. Andererseits tragen wir alle die Erzählung vom Baum der Erkenntnis in uns. Das Naschen von diesem Baum, so
heißt es, habe uns aus dem Paradies vertrieben. Mit dieser Erzählung kann die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins gemeint sein, das den Menschen eben auch Sorgen beschert, die Tiere nicht zu haben scheinen. Man kann es aber auch als Drohung interpretieren, bei Strafe der Vertreibung unselbständig zu bleiben.

Die unbewusste Formung des assoziativen Gestaltungsgrundes

Es lassen sich kulturelle Mechanismen finden, die
eine Tradierung auch eines destruktiven assoziativen Gedankengrundes erklären können. Exemplarisch
möchte ich die Begrüßungszermonie skziieren, mit der wir neue Erdenbürger begrüßt haben. Diese Zermonie ist zumindest in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts weit verbreitet gewesen. Bei uns sieht es momentan besser aus, ob schon gut, vermag ich mangels Kenntnis nicht zu beurteilen. Der folgende Abschnitt ist inspiriert von von Bernd Senf und seiner 4. Vorlesung zu Wilhelm Reich „Sanfte Geburt“.

Also, ein neuer Mensch ist herangereift und ist nun bereit, sein bisheriges Zuhause zu verlassen und das Licht der Welt zu erblicken. Es hält heftigen Druck aus, bis – wird freudig und sanft begrüßt. Ein leicht erhellter Raum, angenehm warm, vielleicht im Wasser. In den Armen der Mutter, ein erster Blick, ausruhen. So könnte es sein.

Aber so war es nicht und ist es vielfach auch nicht. Für die Bildung des assoziativen Gestaltungsgrund ist noch eine Annahme wichtig: Das Neugeborene erwartet eine liebevolle Begrüßung. Wann, wenn nicht jetzt. Also, das Baby hat sich schlängelnd und gedrückt werdend durch den Geburtskanal gearbeitet und: – und wird von grellem Licht geblendet – die Ärtze müssen schließlich etwas sehen. Hände halten das Kind hart und fest, denn es ist glitschig. Die Nabelschnur wird durchtrennt. Entweder das Kind atmet jetzt oder nicht. Wenn nicht kriegt es einen Hirnschaden. Erstickung? Um sicherzugehen, dass das Kind zu atmen anfängt, wird es an den Füßen gefasst und kopfübergehängt. Ein Klapps auf den Po und es schreit – und alle freuen sich. Vielleicht noch ein bisschen Blut abnehmen am Fuß, schließlich ist sicherzugehen, dass das Kind auch gesund ist. Dann noch etwas ätzendes Zeug in die Augen, damit es nicht von Tripper blind wird. Ok, das Kind sieht jetzt erstmal drei Tage nichts mehr, aber dafür ist ja auch später noch Zeit. Babys sehen doch sowieso erst nach dem dritten Tag, oder? So noch der Mutter hallo sagen. Dann ab ins Bett. Die Mutter soll sich erholen. Baby und Mutter schreien, aber das hat sich in früheren Fällen auch gelegt. Essenszeiten: morgens, mittags, abends. Keine Diskussion, schließlich wollen wir keine Tyrannen großziehen …

Den assoziativen Gestaltungsgrund bewusst gestalten

Wenn wir nun den assoziativen Gestaltungsgrund ändern, hin zu mehr Wahrheit und Glück und Liebe mit wahrer Wohltat. Was passiert? Ich weiß es auch nicht. Ich hoffe etwas. Wovon ich gelesen habe, ist, dass es mittlerweile eine ganze Reihe von archäologischen Funden gibt, aus denen spricht, dass es vor den Herrschaftskulturen partnerschaftlich organisierte Kulturen gab, in denen die Menschen weitgehend friedlich miteinander in Wohlstand und kultiviert gelebt haben.

Angesichts der globalen menschlichen Wirkungen in der heutigen Zeit, ist es an der Zeit, sorgfältig gewählte Vorstellungen zu den globalen Dimensionen unseres Seins zu unserem assoziativen Gestaltungsgrund hinzunehmen.

 

Literatur

Zu den frühen partnerschaftlichen Kulturen siehe:

Taylor, Steve (2009): Der Fall, München.

Eisler, Riane (2005): Kelch und Schwert, unsere Geschichte, unsere Zukunft, Freiamt, (engl. 1987).

Links

eewco-Einleitung: Zeitenwende
Wie-arbeiten-Methodik: Denken und Gefühle
 
 

Einen Kommentar beitragen